Dienstag, 31. Januar 2017

Blood Bitch

Unsere Freunde von Ritournelle starten das neue Jahr mit einem gewohnt zeitgeistigen Programm und holen am 4. Februar unter anderem Jenny Hval in die Münchner Kammerspiele.

2016 war nicht nur ein Jahr von Krieg und Terror, von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner*innen, von desillusionierenden Wahlen und Wahlkämpfen – 2016 stand auch im Zeichen der Vagina. Ob im Freebleeding gewissermaßen als Ausdruck feministischen Aktivismus oder als neu entdecktes Lifestyle-Accessoire in Blogs und Magazinen: Die Vagina war im vergangenen Jahr präsent wie nie. In Kunst und Musik ist die Auseinandersetzung mit Geschlecht und Rolle freilich kein neues Phänomen. Eine, die diese sozialen Konstrukte besonders anschaulich zerhackstückelt, ist die norwegische Sängerin und Autorin Jenny Hval. Exemplarisch seien hier ihre Lieder von „capitalist clits“ oder „soft dicks“ genannt. 2016 veröffentlichte Hval ihr bereits viertes Soloalbum "Blood Bitch". Ein avantgardistisches Art-Pop Meisterwerk über Menstruation, Blut und weibliche Vampire. Die Vampire und einige andere Protagnisten hat Hval dabei den Horrorfilmen des spanischen B-Movie-Regisseurs Jess Franco entlehnt. Vor allem „Female Vampire“, der Geschichte über die Gräfin von Karlstein, die ihre Opfer so lange oral befriedigt, bis alles Leben aus ihnen gewichen ist. Um die lüsterne Gräfin spinnt Hval eine konzeptuell brillante und musikalisch vielschichtige tonale Erzählung: Pochend pulsierende Beats, Vocalsamples und transzendenter Ambientkrach bilden die körperlosen Flächen für ihren zwischen Schönheit und Horror changierenden Gesang. Die Musik ist dabei gewissermaßen das Vehikel, mit dem Hval ihre Geschichten erzählt. Kunstvoll verwebt sie verschiedene Erzählebenen immer enger, sodass bald nicht mehr klar ist, ob sie selbst, eine Erzählerin, Vampire oder deren Opfer zu uns sprechen. In jedem Fall wird deutlich, dass uns jede*r Einzelne davon etwas mitteilen möchte. Was das ist, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Hval scheint die Extreme des Horrors, der Angst und der Getriebenheit zu benutzen, um zu zeigen, dass sich die Geschichte jeder Einzelnen völlig losgelöst von der sozial konstruierten Rolle erzählen lässt. Ein in Pop gegossenes post-geschlechtliches Narrativ, dunkel wie Blut und von bleicher Anmut wie eine moderne Vampirsaga.

Schon ihre ganze Karriere arbeitet sich Hval an dieser schwer in Worte zu fassenden Vision ab. Sprache steht dabei stets im Mittelpunkt, was daran liegen mag, dass sie in Melbourne Kreatives Schreiben und Performance studiert hat. Schon dort trat sie als Sängerin in verschiedenen Bands auf und begann, nachdem sie 2006 nach Norwegen zurückgekehrt war, eigene Musik zu veröffentlichen. Zunächst als Rockettothesky, seit 2011 dann unter ihrem Geburtsnamen. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten betreibt sie außerdem das Label Meddle Records, ist als freie Autorin und Kolumnistin tätig und hat in Norwegen bereits zwei Romane veröffentlicht. Höchste Zeit also, dass sie endlich auch in München vorstellig wird und der Ort für ihr erstes Gastspiel hätte kaum passender ausfallen können, denn Hvals Live-Auftritte sind weit mehr Inszenierung und Performance als bloßes Musizieren.

Jenny Hval beim Ekkofest Nr. 13 in Bergen


Bei Ritournelle in den Kammerspielen können wir uns also auf eine Vampirshow zwischen Horror, Trash und Genderklischees freuen. Trefflich flankiert wird diese von Vatican Shadow und Elizabeth Bernholz a.k.a. Gazelle Twin. Zwei Acts, die ähnlich düster funkeln wie Jenny Hval, aber auch die Tanzfläche fest im Blick haben und so geschmeidig in den elektronischen Teil des Abends überleiten werden. Den bestreiten allen voran Demdike Stare aus Manchester. Ihr apokalyptischer Dub Techno ist nicht nur in ihrer Heimat gerade der heißeste Scheiß und speist sich aus allem, was die britische Elektrolandschaft so hergibt: Ambient, Industrial, Dubstep und Hardnoise aber auch Post-Dancehall und Jungle. Ein weiterer Elektroact der Stunde sind Fjaak. Die drei Berliner werden mit ihrem frisch gepressten Debüt nach München reisen und zeigen, wie treibend und vielseitig sich analoger Live-Techno im Jahr 2017 anhört. Nach all dem frischen Blut wird Euch schließlich Superpitcher, ein Veteran des legendären Kölner Kompakt-Labels, mit einem altersweisen Set in die Münchner Nacht entlassen. Ob dort Vampire auf Euch warten? It´s up to you!  

Für: superpaper

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