Dienstag, 22. November 2016

Gewalt geht immer

So gefährlich klang München zuletzt am Abend des 22. Juli, davor lange nicht: Die Friends of Gas haben ihr heiß ersehntes Debüt „Fatal Schwach“ vorgelegt. 

Die deutsche Musik-Journaille ist ratlos. Eine Band wie die Friends of Gas – so nonkonform, roh und wuchtig – kommt aus München? Ausgerechnet? Dem turbogentrifizierten, glattgeschliffenen Kleinod an der Isar, das doch eigentlich nur aus Maximilianstraße, Allianz Arena und BMW World besteht? Die Stadt, an die Oscar Wilde gedacht haben muss, als er feststellte, dass Künstler meist übers Geld und Banker stattdessen über Kunst reden? Geht denn das? Ohja! Denn unter der glatten Oberfläche gibt es sie tatsächlich, die Münchner Subkultur, und auch die Orte, an denen sie zusammenfindet. Einer davon ist das Kafe Kult, das schon seit Ende der 90er am nordöstlichen Stadtrand wuchert und gedeiht. Seither ist die Baracke im Bürgerpark Oberföhring, der im zweiten Weltkrieg als Luftwaffenlazarett erbaut wurde, so etwas wie die Adrenalininfusion der Münchner Hardcore-, Punk- und DIY-Szene. Auch für Veronica Burnuthian, Musikerin, etwa bei der Band Atatakakatta und bei Unicorn in a Trash, und Herausgeberin des schönen Magazins „München ist Dreck“. Im Kafe Kult organisiert sie Konzerte, unter anderem auch das Kafe Kunst Fest, für das sie 2012 die Stuttgarter Noise-Rocker Die Nerven bucht. Die beiden Bands finden Gefallen aneinander, doch als sich abzeichnet, dass Atatakakatta ein schon geplantes gemeinsames Konzert nicht spielen können, wendet sich Burnuthian kurzerhand an Nina Walser und Thomas Westner, die schon seit ihren Teenagerjahren ohne feste Form und Formation als Friends of Gas zusammenspielen. Gemeinsam schreiben sie in nur zwei Wochen ein 40-Minuten-Set und komplettieren die Band mit dem Bassisten Martin Tagar von Das weiße Pferd und Schlagzeuger David Ortiz, der mittlerweile durch Erol Dizdar ersetzt wurde.

Mit furiosen Live-Auftritten machen die Friends of Gas schnell auf sich aufmerksam und werden schließlich von den Konzertgästen Markus und Micha Acher von The Notwist an das Berliner Label Staatsakt vermittelt. Kurz nachdem der Plattenvertrag unterschrieben ist, schließen sie sich mit ihrem Produzenten, Nerven-Frontmann Max Rieger, mehrere Tage und Nächte ins Kafe Kult ein. Dort spielen sie live 12 Stücke ein, die später auf der EP „Tape“ und auf dem Album landen sollen. Durch den Verzicht auf ein herkömmliches Studio ist es gelungen, die infernale Bühnengewalt der Friends of Gas auch auf Platte (und Kassette) zu transportieren: Das Schlagzeug und der unheimlich präsente Bass reißen mit dem ersten Einsatz ein Rhythmus-Gerüst nach oben, das immer weiter in den Himmel schießt. Es bildet die Basis für splitternd krachende Gitarrenriffs und Nina Walsers gewaltige Stimme. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch ächzt, schreit und flüstert sie ihre reduzierten Texte, kratzt dabei stets am Anschlag und ist an Vehemenz und Intensität schwer zu übertreffen. Das Resultat ist ein fulminanter Bastard aus Noiserock, Kraut, Indie und Post-Punk, der einen aus dem Stand überrollt.




für: superpaper

Seiten